Festival für Weltliteratur
2.–7.5.2022 – Köln

»Sounding Archives«

Auftaktveranstaltung mit den Autor:innen der Poetica
Montag, 2.5.2022, 20.00 Uhr

Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben.

Gedichte verführen als Klangkunst – und entführen uns so in ein Nachdenken über die Welt, das jenseits vorbestimmter rationaler Bahnen verläuft. Sie öffnen assoziative Archive, setzen sirrende Stimmen frei, befragen die Lücken der Geschichte und setzen sie sprachlich ver-rückt in Bezug zu unserer Gegenwart. Neun internationale Autor:innen und eine Klangkünstlerin werden sich zum Auftakt-Abend der Poetica 7 mit Kurzlesungen sowie im Gespräch mit der Kuratorin Uljana Wolf vorstellen und zugleich das Thema des diesjährigen Festivals in all seinen Facetten anklingen lassen.

»Sounding Archives« kann zweierlei bedeuten. Liest man »sounding« als Adjektiv, denken wir an Gedichte als »Sprachspeicher«, wie Thomas Kling es nannte – an klingende Depots potentieller Vergangenheiten. An die Strahlkraft poetischer Texte, die seit Anbeginn oraler Traditionen durch ihren Sound beschwören, bewahren, warnen, erinnern. Liest man »sounding« als Verb (genauer, als Gerundium), dann sind es die Gedichte selbst, die forschend, widerständig, aktiv, anderen Archiven eine Stimme geben – Körpern in der Erde, Aktenbergen, antiken Knotenschriften oder Kriegsfotografien. Wie beharrlich, widerständig, lustvoll und innovativ sich die zeitgenössische Dichtung weltweit mit der Vergangenheit und ihren Artefakten beschäftigt, das wird auf der diesjährigen Poetica zu entdecken sein. 

Grußworte von Axel Freimuth (Rektor der Universität zu Köln), Isabel Pfeiffer-Poensgen (Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen) und Andrea Firmenich (Generalsekretärin der Kunststiftung NRW) eröffnen den Abend, zwischen den Lesungen der Autor:innen hält Günter Blamberger (Initiator der Poetica, Universität zu Köln) ein kurzes Essay zum Festivalthema. 

Mit Swetlana Alexijewitsch (Weißrussland), Ain Bailey (Großbritannien), Don Mee Choi (USA), Yan Jun (China), Fiston Mwanza Mujila (Kongo/Österreich), Carlos Soto-Román (Chile), Maria Stepanova (Russland), Anja Utler (Deutschland), Cecilia Vicuña (USA/Chile) sowie der Kuratorin Uljana Wolf (Deutschland).

Die Veranstaltung findet auf Deutsch und Englisch statt.
Der Eintritt ist frei.
Es gelten die Zugangsregelungen und Hygienekonzepte der jeweiligen Veranstaltungsorte. 

»Poetry can extend the document«

Öffentliche Diskussion mit den Autor:innen der Poetica
Dienstag, 3.5.2022, 14.00 Uhr

Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben.

Von Muriel Rukeyser stammt der Satz »Poetry can extend the document« – Poesie erweitert das Dokument. Die Dichterin recherchierte 1938 zum Tod hunderter afroamerikanischer Wanderarbeiter in einer Silikonmine West Virginias und einer Klage gegen die Verantwortlichen (es kam nie zum Prozess) – und schrieb den vielleicht ersten Zyklus dokumentarischer Poesie im 20. Jahrhundert, The Book of the Dead. Sie maß der Poesie die Aufgabe zu, eine Wirklichkeit in der Sprache zu finden, die das Dokument nicht aussprechen konnte – vielleicht, weil es verloren, vielleicht, weil das zu Dokumentierende von der Macht verleugnet wurde. 

Von Heimrad Bäckers Buch nachschrift (1986), das mit den Mitteln der konkreten Poesie auf Dokumente des Nationalsozialismus und des Holocaust zugreift, bis zu NourbeSe Philips Zong!, in dem ein Gerichtsdokument über ein Sklavenmassaker poetisch seziert wird, haben viele Dichter:innen mit den Möglichkeiten experimentiert, historische Zeugnisse ins Gedicht einwandern zu lassen. Was macht das unpoetische Material mit der Poesie? Was macht die Poesie mit dem Material und der Geschichte dahinter? Und wie verändern solche Experimente unsere Vorstellungen von dem, was Poesie sein kann? Die Autor:innen der Poetica 7 sprechen über die Dokumente, auf die ihre lyrischen Experimenten referieren, und die Rolle der Dichtkunst als Archiv der Gegenwart.

Moderation: Uljana Wolf

Die Veranstaltung findet auf Englisch statt.
Der Eintritt ist frei.
Es gelten die Zugangsregelungen und Hygienekonzepte der jeweiligen Veranstaltungsorte. 

»Die Stimmen aber bleiben«

Lesung und Gespräch mit Swetlana Alexijewitsch
Dienstag, 3.5.2022, 19.00 Uhr

Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben.

»Ein neuer Ton, ein neues Genre, kommt in die Welt, wenn sich das, was der Fall ist, nicht mehr in der vertrauten, alten Sprache sagen lässt« – so Karl Schlögel in seiner Laudatio auf die Friedenspreisträgerin 2013. Mit der Veröffentlichung von Der Krieg hat kein weibliches Gesicht (1985) schuf die belarussische, derzeit in Berlin lebende Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch eine neue Form der dokumentarischen Literatur, die sie »Roman in Stimmen« nennt. Für ihr erfolgreiches Erstlingswerk befragte sie Frauen, die im zweiten Weltkrieg – dem Großen Vaterländischen Krieg – beteiligt und nie gehört worden waren. Die Dekonstruktion gängiger Heldennarrative und dominant männlich geprägter Erinnerungen zieht sich durch ihr gesamtes Werk, das sie einmal eine »rote Enzyklopädie« nannte – es erzählt vom Kommunismus, vom Sowjetmenschen, von Menschen im Abseits und in Extremsituationen.

Alexijewitschs dokumentarische Prosa lässt Details sprechen, die man sich nicht ausdenken kann, oft in den Nebensätzen langer und berührend offener Gespräche. Details, in denen die Versehrungen zu Tage treten, die das zwanzigste Jahrhundert auf den Körpern und in den Seelen hinterlassen hat. Alexijewitsch sammelt Stimmen, wo niemand hinhören will – sei es in Afghanistan, Tschernobyl oder auf dem riesigen postsowjetischen Umschlagplatz von gebrauchten Idealen und zerbrochenen Lebensentwürfen (Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus (2013)). Insbesondere Secondhand-Zeit, erweist sich heute, nach der erneuten Niederschlagung der friedlichen demokratischen Proteste in Belarus, als überaus hellseherisches Buch. Wie desaströs der Zusammenbruch und Ausverkauf von Lebensentwürfen ist, wie schwerwiegend die Hypothek der Freiheit, wie tief die »Narkose der Idee« – all das lässt sich aus dem Buch erfahren. 

Mit der Lesung eindrücklicher Passagen aus Secondhand-Zeit und im Gespräch mit der Übersetzerin Katharina Narbutovic wird die Nobelpreisträgerin über die Rolle der Literatur und das Gewicht unterdrückter Stimmen in Vergangenheit und politischer Gegenwart erzählen. 

Moderation: Katharina Narbutovic

Die Veranstaltung findet auf Russisch und Deutsch statt und wird simultan übersetzt.
Eintritt 14/8 EUR
Es gelten die Zugangsregelungen und Hygienekonzepte der jeweiligen Veranstaltungsorte. 

»Docupoetry«

Literarische Werkstatt mit Uljana Wolf
Mittwoch, 4.5.2022, 10.00 Uhr

Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben.

Das Gedicht reibt sich an der Wirklichkeit, an Fakten, Diskursen, Wissenschaft, Politik. Wie kommt das Material als Dokumentarisches ins Gedicht und was verändert sich dabei in der Sprache, in unserer Auffassung von dem, was Lyrik ist und kann? Wie verwandeln wir Recherchen in offene Versuchsanordnungen, in mehr Fragen, nicht Antworten? In Sprachereignisse, die uns weiter überraschen? Welche Textformen finden wir dafür, wie können wir intermedial schreiben? In der Schreibwerkstatt wollen wir mit ausgewählten Dokumenten (Fotos, offiziellen Schreiben, Archivmaterial) arbeiten und experimentieren.

Auch im Rahmen der Poetica 7 wird den Studierenden der Universität zu Köln und der Kunsthochschule für Medien die Möglichkeit geboten, in einer literarischen Werkstatt zusammenzukommen und einander ihre eigenen Texte vorzustellen, gemeinsam mit der Kuratorin der Poetica, Uljana Wolf. Teilnehmen können nur eingeschriebene Studierende der Universität zu Köln und der Kunsthochschule für Medien. 

Aufgabenstellung literarische Werkstatt:

Arbeite mit einem »Dokument« – es kann ein Brief vom Amt, ein Foto, eine Geburtsurkunde, ein Pass sein – es muss kein deutsches Dokument  sein. Schreibe einen poetischen Text, der mit dem Dokument in Dialog tritt, Textfragmente oder Bildmaterial von dem Dokument aufnimmt,  weiterschreibt, auslöscht, überschreibt. Das Dokument (oder Fragmente davon) sollte irgendwie in Deinem Text vorkommen: auch als Sounddatei oder als Foto, Bild, bearbeiteter Scan usw.

Interessent:innen werden gebeten eine Textprobe – nicht mehr als zwei Seiten – einzusenden an Amelie Liebst (). (Bewerbungsfrist wird noch bekanntgegeben.)

In Kooperation mit der Kunsthochschule für Medien Köln.

Die Veranstaltung ist nicht öffentlich. 
Es gelten die Zugangsregelungen und Hygienekonzepte der jeweiligen Veranstaltungsorte. 

»Hier spricht das Loch im Bagel«

Lesungen und Gespräche mit Don Mee Choi, Carlos Soto-Román und Maria Stepanova
Mittwoch, 4.5.2022, 19.00 Uhr

Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben.

»Komm, sammeln wir diesen Körper gemeinsam ein / (am Kreml den Po, am Stadtrand draußen ein Bein)« heißt es in Maria Stepanovas Gedichtband Der Körper kehrt wieder, einem eindrücklichen Zeugnis über die Möglichkeiten der Dichtkunst, historisch Verlorenes, Verstreutes, Verschwiegenes ins poetische Wort zu holen. Die Dichter:innen dieses Abends, die aus unterschiedlichen Sprachräumen und literarischen Traditionen schöpfen, eint das Bestreben, disparates Material in ihren Texten gewissermaßen mit den Mitteln der Poesie einzusammeln: Körper, Erinnerungen, Textfetzen, Fotos, Formulare, Akten. So inszeniert die amerikanische Übersetzerin und Dichterin Don Mee Choi behutsame Investigationen über die anhaltenden Folgen von Krieg, Besatzung und Kolonialisierung mit den Fotografien ihres Vaters, der Reporter in Asien war. Fotos und Interviews dienen ihr dabei als Zeugen ihrer frühen, fast vergessenen Kindheit in Südkorea – mehrfach belichtete Erinnerungen, die beeindruckend neue Gedächtnisräume in der Poesie erschaffen. Sie nennt diese Überlagerung »memory’s memory« – was zufällig fast wortgenau der englische Titel von Maria Stepanovas gefeiertem und auf Deutsch als Nach dem Gedächtnis erschienenen Roman ist. In diesem Roman, wie auch ihrer Dichtung, erschafft die russische Autorin so lakonisch wie kunstvoll eine ästhetische Erinnerungs-Architektur, in der die Geschichte Osteuropas und deren literarische Formen vielfach widerhallen – ein »Zungenreden«, das um die Lücken der Geschichte kreist wie um das »Loch im Bagel«. Wie aus Lücken Lügen werden, die mit mehr Lücken bloßgestellt werden können, zeigt das Werk von Carlos Soto-Román. Der chilenische Dichter bearbeitet vorgefundene Akten und Dokumente mit den Mitteln der konzeptuellen Poesie, bis die manipulierten Bilder Übersehenes und Verschwiegenes freisetzen. 

Moderation: Uljana Wolf
In Kooperation mit der Kunsthochschule für Medien Köln und dem Literaturhaus Köln.

Die Veranstaltung findet auf Deutsch und Englisch statt.
Es gelten die Zugangsregelungen und Hygienekonzepte der jeweiligen Veranstaltungsorte. 

»Sonic Autobiographies / Klang-Autobiografien«

Öffentlicher Workshop von Ain Bailey mit den Autor:innen der Poetica
Donnerstag, 5.5.2022, 14.00 Uhr

Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben.

Ossip Mandelstam sah den Dichter als leere Muschel, ein unbewohntes Haus, in das die Nacht Geräusche deponiert: »Du füllsts mit Schaumgeflüster aus, / mit Regen, Nebelschwaden, Wind…« Walter Benjamin wiederum hielt sich das neunzehnte Jahrhundert als hohle Muschel ans Ohr und hörte »den dumpfen Knall, mit dem die Flamme des Gasstrumpfs sich entzündet«. Geräusche und Klänge beeinflussen als »lifetime soundtrack« unsere Identität, unsere Selbstwahrnehmung, unsere Wahrnehmung von Sprachen, von Rhythmus und Melodie – und unser Schreiben.
Und was hören die Dichter:innen der Poetica 7? Gemeinsam mit der Klangkünstlerin und DJ Ain Bailey werden die eingeladenen Autor:innen in einem öffentlichen Workshop diese Frage anhand mitgebrachter Töne, Songs und Geräusche erkunden. Bailey widmet sich in ihrer oftmals kollaborativen und intermedialen Praxis der Erforschung von Klang-Autobiografien. Was als Werkstatt mit Geflüchteten und LGBTQIA+ community in der Serpentine Gallery begann, bildet neben der Arbeit mit architektonischer Akustik und field recordings nun einen wichtigen Aspekt ihres Werks. Im Fokus steht dabei das Zusammenspiel zwischen individueller Klangerinnerung, gemeinsamen deep listening und Austausch über die mitgebrachten Klänge. Ein Zusammenspiel, das für Bailey ein politischer Akt ist, »because we all have this idea that we are very separate, ›everyone’s out for themselves‹. And I think in that moment, there’s a collectiveness that we don’t necessarily experience regularly.«

Workshopleitung: Ain Bailey
Moderation: Uljana Wolf
In Kooperation mit der Kunsthochschule für Medien Köln.

Die Veranstaltung findet auf Englisch statt.
Der Eintritt ist frei.
Es gelten die Zugangsregelungen und Hygienekonzepte der jeweiligen Veranstaltungsorte. 

 

»Ich möchte ein Fluss werden«

Lesungen und Gespräche mit Fiston Mwanza Mujila, Anja Utler und Cecilia Vicuña
Donnerstag, 5.5.2022, 19.00 Uhr

Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben.

Die Hinwendung der Lyrik zu Vergangenheiten aus Klang verändert auch das lyrische Ich. Der Logos wird dezentriert, ja weggespült, das Gedicht wird durchlässig und hellhörig für Hintergrundgeräusche, für nicht-menschliche Geräusche, für die Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt. Ist das Klang-Denken der Dichtung vielleicht immer schon ökologisches Denken? Dies gilt jedenfalls für die drei Dichter:innen dieses Abends. Anja Utler spannt Sprachstockungen wie ausgetrocknete Flussarme zwischen Generationen auf, inszeniert eine dystopische Rede zwischen Mutter und Tochter mit »Bissspuren vergangener Flüssigkeit«. In der von Jazz beeinflussten, wirbelnden, aufgewühlten Lyrik Fiston Mwanza Mujilas fließt der Kongofluss – »Ein Fluss ohne / Nationalität. Ein freier Fluss. Ein unabhängiger Fluss. Ein Fluss / großgeschrieben. Ein Flussfluss!« Er ist ein trauriges Grab für Träume und die Körper der Verlorenen, die er hungrig frisst. Und zugleich ekstatisches Sinnbild für die Widerstandskraft des Menschen angesichts immer verheerenderer Not durch Armut, Ausbeutung, Bürgerkrieg. Die zerstörerischen Auswirkungen des Anthropozäns auf den Planeten – und damit auf unsere Erinnerung – nimmt die international gefeierte Künstlerin und Autorin Cecilia Vicuña seit den siebziger Jahren in den Blick, immer mit einer dezidiert feministischen Perspektive. Ihre Kritik an der Gewalt durch Usurpation und Beherrschen-Wollen ist auch eine Kritik an der Vorstellung, es gäbe eindeutige Ursprünge und Grenzen, mit denen man Besitzansprüche legitimieren kann. Dies ist eine ästhetische und zugleich politische Position. Alles in Vicuñas Werk ist verwandt, verwoben, vielsprachig, zwischen Medien, Künsten und Sprachen mäandernd. »Die Erinnerung an die Heiligkeit des Wassers«, sagte Vicuña einmal, sei ihr wichtigstes Lebenswerk. Denn Chile werde als eines der ersten Länder der Erde dank Ausbeutung und Privatisierungen kein frei zugängliches Trinkwasser mehr haben. 

Moderation: Uljana Wolf
In Kooperation mit dem Rautenstrauch-Joest-Museum.

Die Veranstaltung findet auf Deutsch und Englisch statt.
Es gelten die Zugangsregelungen und Hygienekonzepte der jeweiligen Veranstaltungsorte. 

»Dieses Gedicht ist nicht still«

Lesungen und Gespräche mit Yan Jun, Mihret Kebede und Uljana Wolf
Freitag, 6.5.2022, 19.00 Uhr

Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben.

Ein Gedicht, das über Stille schreibt, ist nicht still. Ein Gedicht, das über die Stille auf einem Platz schreibt, ist nicht still. Ein Gedicht aber, das über die Stille auf einem Platz schreibt, auf dem Studierende nicht protestieren dürfen – ist dieses Gedicht still? Ist es vielleicht ein Gedicht über abwesenden Lärm? »unter der brutheißen klimaanlage / sitzen einhundert studenten / in einem zug, der beijing verlässt« heißt es in Yan Juns »5. Juni« betiteltem Gedicht über den 4. Juni, Jahrestag des Tiananmen-Massakers. Und weiter: »wenn ich die bücher anderer leute umschreibe / fliegen kleine schwarze dinge von ihren seiten auf / sämtliche mücken in shenzhen haben denselben nachnamen / eine bibliothek des blutverlusts: / viel glück für euren flug und tod«. Die himmelschreiende Beiläufigkeit der Worte »Blut« und »Tod«, plötzlich auf Mücken bezogen und nicht auf Studenten, ist beispielhaft für die künstlerische Praxis des chinesischen Dichters und Musikers, der winzige alltägliche, akustische Details in seine Performances und Texte einwebt und damit subtil soziale Klanglandschaften erforscht. Auch die äthiopische Lyrikerin Mihret Kebede, ob solo oder als Teil der fulminanten FormationTobyia Poetic Jazz, erkundet mit ihren Texten alltägliche Archive der Stille, in denen sich die Entwicklung der äthiopischen Gesellschaft, das Auseinanderklaffen der Schwere zwischen Arm und Reich abzeichnet: »Als du dir mein Bett klautest… blieb ich stehen und träumte groß. / Als du mir dann mein Essen klautest…. gab ich es dir, tat als würde ich fasten. / Aber bitte lass mir meine einzige Stimme… für sie werde ich kämpfen bis zum Tod. / Wie sonst könnte ich laut aufschreien und rufen: Ich werde beraubt?!« Von einer Stimme, die sich verliert, handelt der Zyklus »Babeltrack« der Kuratorin und Lyrikerin Uljana Wolf. Ihre Gedicht-Notate schlagen den Zirkel von der Stille zum Stillen und verknüpfen die ersten Babbel-Laute eines Kleinkindes mit dem Sprachverlust der Mutter zwischen verschiedenen Rollen und Sprachen: »aufbau und gleichzeitiger abbbau von was, es fehlt mir, das ringding, tingeling, welches, das wechselt, wild und nicht in der spur…«

Moderation: Uljana Wolf

Die Veranstaltung findet auf Deutsch und Englisch statt.
Es gelten die Zugangsregelungen und Hygienekonzepte der jeweiligen Veranstaltungsorte. 

»ich bin einfach ein aufnahmegerät«

Poetry meets Scenery
Samstag, 7.5.2022, 20.00 Uhr

Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben.

Was schwirrt und sirrt denn da, ist das die Dichtung oder ein Aufnahmegerät? Oder ist die Dichtung das Aufnahmegerät? Von wann ist denn dieses Modell? Hat das noch Batterien? Wo ist denn jetzt das Mikro hier… Mirko, drück mal den roten Knopf, ja, zweimal… Nehmen wir schon auf? Hallo hallo? – Wenn am letzten Abend die Dichterinnen und Dichter der Poetica auf der Bühne des Kölner Schauspiels in Szene gesetzt werden, kommen unterschiedlichste Stimmen, Archive und Materialien zum Klingen. Die Zuschauer:innen werden Teil eines akustischen Gedächtnisraums, der berückend und verrückend in die Gegenwart reicht und zeigt, dass Archive, wie Jacques Derrida schrieb, nicht eine Frage der Vergangenheit sondern der Zukunft sind – unser aller Zukunft, unser aller Sprache. Und mitten drin die Dichtung als irrlichternde, stets sich wandelnde Experimentierstätte für Neugier, Sanftmut und die Bereitschaft, uns selbst und die Quellen, aus denen wir schöpfen, immer wieder neu zu befragen.

Mit Ain Bailey (Großbritannien), Don Mee Choi (USA), Yan Jun (China), Mihret Kebede (Äthiopien), Fiston Mwanza Mujila (Kongo), Carlos Soto-Román (Chile), Maria Stepanova (Russland), Anja Utler (Deutschland), Cecilia Vicuña (Chile) sowie der Kuratorin Uljana Wolf (Deutschland) und Ensemblemitgliedern des Schauspiel Köln.

In Kooperation mit dem Schauspiel Köln.

Es gelten die Zugangsregelungen und Hygienekonzepte der jeweiligen Veranstaltungsorte.