»Soft Magic – Poesie & Weltgestaltung«
Sprache war von Beginn an Zauber – mehr als bloß Zeichen. Schon in mesopotamischen, sumerischen und altägyptischen Schriften gilt sie als schöpferische Kraft. Im Alten Testament entsteht die Welt durch das gesprochene Wort (»Es werde Licht«). Auch in indigenen Kosmologien besitzen Worte, Gesänge und Zaubersprüche die Macht, Wirklichkeit hervorzubringen. Sprache erscheint hier nicht als Beschreibung der Welt, sondern als Handlung – magischer Sprechakt, der Realität hervorruft und gestaltet. Bis heute sind magische Ursprünge von Sprache allgegenwärtig in unseren Reimen, Sprechchören und Liedern.
Die Poetica 11 lädt ein, gemeinsam das heutige Verhältnis von magischen, weltgestaltenden Sprechakten und Aktivismus zu erkunden. Sie schlägt vor, unseren Planeten als Ort der Solidarität, des Zusammenlebens und Widerstands zu betrachten. In zyklischer Bewegung kehren wir zurück zu kollektiven Ritualen und Zaubersprüchen – und widmen uns zugleich den verwobenen sozialen Ungleichheiten, pluralen (Klima)Krisen und Kriegen unserer Gegenwart.
Wie und wo mischt sich Poesie ein in die Alchemie der Weltgestaltung? Kann sie Begleitgesang gesellschaftlicher Transformation sein, diese »herbeischreiben«, zärtlichere Seinsweisen beflügeln? Wie werden poetische Sprechakte zu »soft magic«, sanfter Magie, die ihr Wirken im sozialen Geflecht der Welt entfalten?
In aller Unterschiedlichkeit ihrer poetologischen Traditionen eint die Autor:innen der Poetica 11 die begeisterte, der Welt zutiefst zugewandte Auseinandersetzung mit dem realitäts- stiftenden Potenzial von Sprache. Fernab von Eskapismus, oft angetrieben von sozialen Missständen und der im Alltäglichen verborgenen Magie, erweitern sie die Freiräume des Gedichts.
Sie bringen Humor mit, stärken Stimmen des Widerstands und beschwören den Gesang bedrohter Wale. Mit indigenen und dekolonialen Wissenssystemen laden sie zum Entdecken neuer Sprechweisen ein, singen von artenübergreifender Verbundenheit und Liebe: »Where your hands have been are diamonds on my shoulders, down my back, thighs« (Natalie Diaz).
So entwirft die Poetica Wege des Miteinanders und der Fürsorge – für Menschen, mehr-als-menschliche Lebewesen und den Planeten – und wird selbst zum Gegenzauber gegen die brutalen und vereinsamenden Realitäten unserer Zeit.
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Rike Scheffler
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